Von Simran Sethi, Senior Industry Solutions Consultant, Global Trade Intelligence, Descartes
Einfuhrzölle stehen nun eindeutig im Mittelpunkt der US-amerikanischen Handelsdurchsetzung. Das Justizministerium (DOJ) hat Handels- und Zollbetrug (einschließlich Zollhinterziehung) zu einer obersten Priorität der Strafverfolgung erhoben, was durch die Einrichtung einer behördenübergreifenden Task Force zur Bekämpfung von Handelsbetrug gemeinsam mit dem Ministerium für Innere Sicherheit untermauert wurde.
Für Importeure ist die wichtigste Frage jedoch nicht mehr, ob die Durchsetzung von Zöllen verschärft wird.
So sieht die tatsächliche Durchsetzung aus.
In der gesamten US-Regierung nutzen die Behörden zunehmend die Analyse von Handelsdaten, den behördenübergreifenden Austausch von Erkenntnissen, Hinweise von Whistleblowern und die Analyse von Lieferketten, um risikoreiche Importeure und verdächtige Sendungen zu identifizieren. Das Ergebnis ist ein weitaus gezielteres Durchsetzungsumfeld – eines, in dem Unregelmäßigkeiten in den Importdaten bereits lange vor Beginn einer formellen Untersuchung eine eingehende Überprüfung auslösen können.
Für Unternehmen, die komplexe globale Lieferketten betreiben, ist das Verständnis dafür, wie Aufsichtsbehörden potenzielle Verstöße identifizieren, zu einem entscheidenden Bestandteil des Managements von Risiken im Bereich der Handelskonformität geworden.
Wichtigste Erkenntnisse
- US-Strafverfolgungsbehörden setzen zunehmend Datenanalysen und Anomalieerkennung ein, um verdächtige Importmuster und risikobehaftete Importeure zu identifizieren.
- Die Task Force „Handelsbetrug“ des Justizministeriums (DOJ) und des Ministeriums für Innere Sicherheit (DHS) verstärkt die Zusammenarbeit zwischen der Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP), dem Justizministerium (DOJ), der Ermittlungsbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit (Homeland Security Investigations) und anderen Strafverfolgungsbehörden.
- Die Aufsichtsbehörden überwachen aufmerksam die HTS-Klassifizierungsmuster, die angegebenen Zollwerte, die Angaben zum Ursprungsland sowie die Daten zu den Transportwegen innerhalb der Lieferkette.
- Whistleblower-Programme und Beschwerden von Wettbewerbern entwickeln sich zunehmend zu einer wichtigen Quelle für Hinweise im Rahmen der Durchsetzung.
- Jüngste Vergleichszahlungen in Höhe von 4,9 Millionen bis 54,4 Millionen US-Dollar verdeutlichen die Bereitschaft des US-Justizministeriums (DOJ), Verstöße gegen Zollvorschriften unter Anwendung des „False Claims Act“ und anderer Durchsetzungsinstrumente zu ahnden.
- In einem datengesteuerten Umfeld der Rechtsdurchsetzung müssen Unternehmen die Einhaltung von Handelsvorschriften als eine Herausforderung im Bereich Governance und Analytik betrachten und nicht lediglich als eine Formalität der Zollanmeldung.
Die Durchsetzung von Tarifen ist in ein datengestütztes Zeitalter eingetreten
In der Vergangenheit stützte sich die Zollkontrolle in hohem Maße auf Nachprüfungen nach der Einfuhr und physische Kontrollen an den Einfuhrhäfen. Auch wenn diese Instrumente nach wie vor wichtig sind, orientiert sich das moderne Modell der Zollkontrolle zunehmend an nachrichtendienstlichen Erkenntnissen.
Die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) wertet mittlerweile riesige Mengen an Importdaten mithilfe automatisierter Targeting-Systeme aus, die darauf ausgelegt sind, ungewöhnliche Muster in Millionen von Transaktionen zu erkennen. Diese Systeme vergleichen Einfuhranmeldungen mit Branchen-Benchmarks, dem historischen Importverhalten und anderen Informationsquellen.
Anstelle von breit angelegten, undifferenzierten Prüfungen können die Aufsichtsbehörden nun bestimmte Unternehmen oder Lieferketten identifizieren, die statistisch gesehen auffällig erscheinen.
Viele Ermittlungen beginnen daher nicht mit einer Hafenkontrolle, sondern mit einer in den Handelsdaten festgestellten Unregelmäßigkeit.
Die Handelsdatenbehörden beobachten die Lage
Im Mittelpunkt der modernen Zollkontrolle stehen die Daten, die bei jeder Einfuhrmeldung über das „Automated Commercial Environment“ (ACE) übermittelt werden.
Zu diesen Informationen gehören:
- Klassifizierungscodes des Harmonisierten Zolltarifs (HTS)
- angegebener Zollwert
- Herkunftsland
- Angaben zum Importeur und Hersteller
- Einreiseort
- Versand- und Routeninformationen
Bei der Auswertung von Tausenden von Datensätzen lassen sich anhand dieser Datenpunkte Muster im Verhalten der Importeure erkennen.
Die Behörden verknüpfen Einreisedaten zunehmend mit weiteren Informationsquellen wie beispielsweise:
- Frachtbriefe und Konnossemente
- Daten zur Sicherheitsmeldung für Importeure (ISF)
- Handels- und Preisdatenbanken
- Unternehmensbeteiligungsregister
- Lieferkettenanalytik
Gemeinsam ermöglichen diese Datensätze den Ermittlern, globale Lieferketten zu rekonstruieren und Unstimmigkeiten zwischen den angegebenen Informationen und den tatsächlichen Handelsaktivitäten aufzudecken.
Die Warnsignale, die Ermittlungen auslösen
Handelsanalysen sind besonders effektiv bei der Erkennung von Mustern, die auf Zollumgehung hindeuten könnten. Zu den häufigsten Anzeichen zählen unter anderem ungewöhnliche Muster bei der HTS-Klassifizierung.
Wenn ein Importeur Waren regelmäßig unter Zolltarifnummern anmeldet, für die deutlich niedrigere Zollsätze gelten als für Wettbewerber, die ähnliche Produkte einführen, kann diese Diskrepanz eine Überprüfung nach sich ziehen.
Die Aufsichtsbehörden vergleichen häufig die Klassifizierungsmuster verschiedener Branchen miteinander, um statistische Ausreißer zu identifizieren.
Anzeichen für eine Unterbewertung
Die angegebenen Zollwerte werden häufig anhand folgender Kriterien analysiert:
- historische Importpreise
- Branchen-Preisvergleichswerte
- Daten aus Lieferländern exportieren
Liegen die angegebenen Werte deutlich unter dem Marktniveau, können die Ermittler den Verdacht hegen, dass eine Unterbewertung vorgenommen wurde, um die Zollbelastung zu verringern.
Fragwürdige Angaben zum Herkunftsland
Herkunftsangaben werden eingehend auf Anzeichen für eine Umladung über Drittländer geprüft.
Zu den gängigen Indikatoren zählen:
- Plötzliche Verlagerungen von Produktionsstandorten nach Zollerhöhungen
- Waren, die über Länder mit niedrigen Zöllen umgeleitet werden, obwohl Produktionsverbindungen zu Ländern mit hohen Zöllen bestehen
- inkonsistente Lieferantendokumentation
Diese Muster zeigen sich häufig bereits in den Handelsdaten, lange bevor ein Verfahren zur Durchsetzung von Zöllen offiziell eingeleitet wird.
Komplexe oder ungewöhnliche Lieferkettenrouten
Mithilfe von Handelsanalysen lassen sich zudem Transportrouten identifizieren, die offenbar darauf ausgelegt sind, die Herkunft der Produkte zu verschleiern.
Mehrere Zwischenländer, unerwartete Änderungen der Transportroute oder uneinheitliche Lieferantennetzwerke können auf Versuche hindeuten, Zölle oder handelspolitische Abhilfemaßnahmen zu umgehen.
Die behördenübergreifende Zusammenarbeit erweitert den Wirkungsbereich der Strafverfolgung
Eine weitere bedeutende Veränderung im Bereich der Rechtsdurchsetzung ist die zunehmende Zusammenarbeit zwischen den US-Behörden.
Die im Jahr 2025 ins Leben gerufene Task Force zur Bekämpfung von Handelsbetrug formalisiert die Zusammenarbeit zwischen:
- US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP)
- Justizministerium (DOJ)
- Homeland Security Investigations (HSI)
- andere Partnerbehörden auf Bundesebene
Diese Struktur ermöglicht es den Behörden, Informationen auszutauschen, Ermittlungen zu koordinieren und gleichzeitig zivil- und strafrechtliche Maßnahmen zu ergreifen.
Für Importeure hat dies erhebliche Auswirkungen. Was früher möglicherweise zu einer Zollstrafe oder einer Verwaltungsmaßnahme geführt hätte, kann nun zu Rechtsstreitigkeiten nach dem „False Claims Act“, zu Klagen von Whistleblowern oder zu strafrechtlichen Ermittlungen eskalieren.
Whistleblower und Wettbewerbsbeobachtung
Datenanalysen sind nicht die einzige Quelle für Hinweise im Rahmen der Strafverfolgung.
Das US-Justizministerium (DOJ) hat sein Prämienprogramm für Whistleblower in Unternehmen auf Zoll- und Zollbetrug ausgeweitet und damit finanzielle Anreize für Insider geschaffen, mutmaßliche Verstöße zu melden.
Gleichzeitig ermöglicht das Meldesystem „e-Allegations“ der CBP Unternehmen, Zollagenten und Wettbewerbern, mutmaßliche Handelsverstöße zu melden.
Zu den potenziellen Hinweisgebern können gehören:
- Mitarbeiter in den Bereichen Beschaffung oder Compliance
- Zollagenten oder Logistikdienstleister
- ehemalige Geschäftspartner
- Wettbewerber, die von der mutmaßlichen Zollumgehung betroffen sind
Diese Berichte liefern den Ermittlern häufig sehr spezifische Informationen, die mit der Analyse von Handelsdaten kombiniert werden können, um Maßnahmen zur Durchsetzung von Zöllen zu unterstützen.
Jüngste Maßnahmen zur Durchsetzung von Zöllen verdeutlichen, worum es geht
Die jüngsten Vergleiche im Rahmen des „False Claims Act“ verdeutlichen, wie konsequent die US-Behörden gegen Zollverstöße vorgehen.
Beispiele aus dem Jahr 2025 sind unter anderem:
| Bodenbelagshersteller | Vergleich in Höhe von 8,1 Millionen Dollar im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Unterbewertung von Holzfußbodenimporten aus China. |
| Kunststoff- und Harztechnik | Ein Vergleich in Höhe von 6,8 Millionen Dollar im Zusammenhang mit mutmaßlichen Falschangaben zum Ursprung und zum Zollwert bei Importen von Kunststoffgranulat. |
| Spezialisten für die Steinbearbeitung | Ein Vergleich in Höhe von 12,4 Millionen Dollar im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Hinterziehung von Zöllen auf Quarzoberflächenprodukte. |
| Technik und Ingenieurwesen | Ein Vergleich in Höhe von 54,4 Millionen US-Dollar im Zusammenhang mit angeblich hinterzogenen Zöllen auf aus China importierte Wolframkarbidprodukte. |
Diese Fälle verdeutlichen einen wiederkehrenden Aspekt der Rechtsdurchsetzung: Systematische Fehler bei der Einstufung, der Bewertung oder den Ursprungsangaben können gemäß dem „False Claims Act“ zu Haftungsansprüchen in Höhe von mehreren Millionen Dollar führen.
Wie Compliance-Programme im Jahr 2026 aussehen sollten
In einem datengestützten Durchsetzungsumfeld reichen herkömmliche Compliance-Verfahren oft nicht aus.
Die Aufsichtsbehörden analysieren nun das Verhalten von Importeuren anhand von Tausenden von Transaktionen – wodurch Unstimmigkeiten weitaus leichter zu erkennen sind.
Zukunftsorientierte Organisationen reagieren darauf mit einer Stärkung der Governance im Bereich der Handelsdaten und Klassifizierungsentscheidungen.
Zu den wesentlichen Bestandteilen moderner Compliance-Programme gehören:
- zentralisierte Verwaltung der HTS-Klassifizierung
- dokumentierte Bewertungs- und Herkunftsmethoden
- kontinuierliche Überwachung der Importdaten auf Anomalien
- eine strengere Aufsicht über Makler und Partner in der Lieferkette
- umfassende Dokumentation zur Untermauerung von Strategien zur Tarifminderung
Kurz gesagt: Programme zur Einhaltung von Handelsvorschriften entwickeln sich von manuellen Regulierungsprozessen hin zu datengestützten Risikomanagementsystemen.
Abschließende Gedanken
Die Durchsetzung des Handelsrechts in den USA tritt in eine neue Phase ein – eine Phase, die durch Datenanalyse, behördenübergreifende Zusammenarbeit und auf Erkenntnissen basierende Ermittlungen geprägt ist.
Dank fortschrittlicher Zielerfassungssysteme, Anreizen für Hinweisgeber und erweiterter Durchsetzungsbefugnisse des Justizministeriums verfügen die Aufsichtsbehörden nun über einen beispiellosen Einblick in die weltweiten Importaktivitäten.
Für Importeure ist die Konsequenz klar:
Die gleichen Daten, die zur Steuerung globaler Lieferketten genutzt werden, werden zunehmend auch zur Bewertung von Compliance-Risiken herangezogen.
Unternehmen, die in eine solide Datenverwaltung im Außenhandel, automatisierte Klassifizierungstools und analytikgestützte Compliance-Programme investieren, werden weitaus besser gerüstet sein, um sich in diesem neuen Umfeld der Durchsetzungsmaßnahmen zurechtzufinden – und zu vermeiden, dass sie bei der nächsten Welle von Zollkontrollmaßnahmen ins Visier geraten.
Wie Descartes Importeuren helfen kann, sich im datengestützten Vollzug zurechtzufinden
Da die Durchsetzung von Handelsvorschriften zunehmend auf Informationen basiert, benötigen Unternehmen Instrumente, die fundierte Handelsinformationen, Automatisierung und Analysen miteinander verbinden.
Descartes unterstützt Importeure bei der Stärkung ihrer Compliance-Programme durch Lösungen, die Folgendes bieten:
- Weltweite Informationen zu Zöllen und Handel aus über 160 Ländern
- Erweiterte Suchfunktionen für die HS-/HTS-Klassifizierung
- Integration mit ERP-, GTM- und Zollanmeldesystemen
- Analysen zur Erkennung von Anomalien in Importdaten
- Prüfungsgerechte Dokumentation und Governance-Arbeitsabläufe
Lösungen wie Descartes CustomsInfo™ unterstützen Compliance-Experten dabei, einheitliche Einstufungsentscheidungen zu treffen, die Transparenz in der Lieferkette zu verbessern und ihre Fähigkeit zu stärken, ihre Compliance-Positionen bei Prüfungen oder Untersuchungen zu verteidigen.
